Ganz plötzlich bricht dann Unruhe in unserem Wartetrupp aus, die Französin schnattert aufgeregt, ich wende mich ihr zu und bemerke, daß viele zu den Mopedleuten hingaffen, diese sind alle auf einen Punkt ausgerichtet, das Mädchen, das auf der Vespa gesessen ist, läuft von ihnen weg, dann entdeck ich in der Mitte der Gruppe ein Gerangel, wild rudernde Arme. Einer der Kerle – braune Haare, recht hell, nicht allzugroß ist er, und eher schmächtig, mir scheint auch, er ist etwas älter, so an die fünfundzwanzig (der Eindruck könnte aber täuschen), eine beige Hose hat er an, ein hellgrünes Leiberl – schlägt offenbar rücksichtslos auf jemanden ein, und einige der Typen, greifen nach den schnell und wild schlagenden Armen, auch die andern beiden Mädchen fassen an, das Mädchen im weißen Leiberl und mit den nackten Beinen, das weggelaufen ist, bleibt etwas tiefer im Hafengelände in einiger Entfernung stehen und schaut zurück, was geschieht, voller Panik und Entsetzen, kommt mir vor (woran ich das zu erkennen glaube, wüßte ich nicht zu sagen). Der Schläger stoßt jene, die ihn halten wollen, weg, schlägt um sich, und nun sieht man es: das dritte der braunhaarigen Mädchen liegt am Boden, der schmale Kerl bückt sich, um auf sie einschlagen zu können. Er verrenkt sich dabei, als würde er nicht schlagen, sondern sich in einer Krankheit winden. Diese wahnsinnige Huperei dazu, absolut wie im Stummfilm wirkt dadurch irgendwie, was da vor sich geht (wie viel man aus der Entfernung sonst wohl davon hören würde?). Wie tot liegt das Mädchen und die Schläge treffen sie wie so eine Unfall-Test-Puppe. Die anderen stehen nun daneben und wagen nicht mehr einzugreifen. Ich starre wie die die Leute um mich herum hin, und der Kerl prügelt unentwegt auf das Mädchen ein. Ich steh auf, wie von selber geht das, ich hab mich jedenfalls nicht bewußt dazu entschieden – um besser zu sehen, tu ichs vielleicht. Stefan neben mir erhebt sich fast zeitgleich mit mir. Müßte ich jetzt nicht hingehen und den Burschen zurückreißen, festhalten, anbrüllen? Und ihm wenn nötig mit der Faust ins Gesicht schlagen? Und tritt er mir dann in den Bauch, in die Eier, versucht meinen Kopf mit Schlägen zu treffen? Trete ich ihm ebenso irgendwohin, um ihn zu verletzen? Ich habe so etwas noch nie getan, als Kinder haben wir uns in den Schwitz­kasten genommen, wir haben gerungen, einander eventuell eine Ohrfeige verpaßt, eine Watschn, einander aber niemals getreten oder mit den Fäusten traktiert. Da drischt der Typ einfach ein Mädchen zusammen, verletzt sie schwer, tötet sie womöglich! In mir regt sich deutlich ein Drang, dieses Mädchen zu retten. Man kann sie jedoch nur vorübergehend retten – denn ihre Seele ist spätestens seit gerade eben verloren. Ich bin wie in Trance, eine eigenartige Unklarheit, die irgendwie auch eine Klarheit ist, hat alles, irgendwie ist es, als würde alles an mir vorbei geschehen – ich kenne diesen Zustand, hab aber keinerlei Erinnerungsinhalt, woher ich ihn kennen könnte. Ich merke, wie neben mir ein Braunhaariger stehen bleibt, der muß gerade zu uns gestoßen sein. Er streift seinen Ruck­sack ab; er sagt dabei mehrmals: What a fucking guy. What a fucking guy. Und dann läuft er unvermittelt los. Und Stefan startet ebenso unerwartet, ja für mich noch überraschender hinter ihm her. Irgendwie verunsichert mich das, und ich frage mich, ob ich ihnen folgen soll, habe auch einen Impuls dazu, genauso loszusprinten, ihr Laufen zieht mich gewissermaßen an, ich spüre aber ebenso einen Widerstand dagegen. Unentschlossen, und wohl zwischen den beiden Möglichkeiten hin und her gerissen, gehe ich schließlich in die Richtung, in die sie laufen und damit ebenso auf die Geschlagenwerdende und den Prügler zu. Diejenige, die früher geflüchtet ist, beobachtet aus vielleicht zwanzig Metern Abstand, was geschieht – ihr dem brutalen Vorfall zugewandter Kopf, die blonden Haare, ihr Leiberl, ihre Beine. Der Kerl hat sich inzwischen aufgerichtet und tritt wie verrückt mit den Füßen gegen das Mädchen, er trägt braune Schuhe, Schlüpfer dürften es sein (auch wie ich darauf komme, weiß ich nicht), in den Bauch tritt er, daß das Mädchen sich krümmt, gegen die Schulter, daß es davon fast umgedreht wird, gegen den Kopf, daß man das Gefühl be­kommt, man würde spüren, wie der Kopf kaputt geht, wie das Genick bricht. Stefan hat eine Hand an seinem struppigen Lockenschädel, ich kapier nicht gleich, was er macht, dann aber, daß er sich im Laufen die Brille abnimmt. Das Mädchen liegt nun wieder wie tot. Der Treter ist schon ganz erschöpft und geschwächt vom Schlagen. Zwei der Kerle, einer mit kurzen schwarzen Haaren und einem schwarzen Hemd, und einer mit etwas längeren braunen Haaren und einem beigen Leiberl, Jeans haben beide an, rennen zu ihren Vespas und starten, sie rasen Richtung Stau, vielleicht wollen sie Hilfe holen, vielleicht hauen sie einfach ab, oder sie informieren jemand oder verständigen die Polizei. Stefan macht nun auf einmal beim Laufen eigenartige Bewegungen, so als müßte er seine Fersen fangen, etwas von einem Tanz hat das. Dann läßt er den rechten Haxen zwischendurch immer wieder rasch kreisen und der Herrgottsschlapf hängt vom Fuß weg, Stefan möchte ihn offenbar im Laufen abschütteln und es gelingt ihm nicht; dann klappts aber doch; das gleiche wiederholt sich danach mit dem anderen Fuß, zuerst das hinter sich nach der Ferse Greifen, da versucht er sicher das Fersenband runterschieben, im Anschluß alle paar Schritte Kreisbewegungen mit dem Bein, der weghängende Schlapf, und letztlich Stefan, der weitersprintet, und das Teil, das am Boden zurückbleibt. Ich hör Brüllen: What fucking guys!, und noch einmal: What fucking guys! Der Braunhaarige ists ohne Frage. Was ist das nur für ein Akzent? Ich habe einen solchen Akzent noch nie gehört. Er scheint jetzt richtig wütend zu sein und noch an Tempo zuzulegen. Wie gehetzt läuft er, er ist bloßfüßig, seine schweren braunen Haare schwingen rhythmisch mit jedem Schritt, ja peitschen auf seinen Nacken und seine Wangen nieder, er trägt ein ausgeleiertes, verwaschenes Trägerleibchen, auf dem hinten ein Porträt Jimi Hendrix’ drauf ist, unter dem, wie ich früher gesehen habe, in geschwungenen, in quasi tanzenden Buchstaben Jimi steht. Die beiden Vespafahrer vorn, sie überholen den Stau rechts, wie es ihr Kollege früher gemacht hat. Das liegende Mädchen … Ihr Traktierer schaut sich nach dem Braun­haarigen und Stefan um, entweder hat er sie trotz seines Furors selber bemerkt oder es hat ihn jemand aufmerksam gemacht (um ihn zu warnen oder zu verscheuchen), ich weiß plötzlich, daß er Angst hat, habe aber keine Ahnung, woran ich es zu erkennen glaube. (Ich habe auch die Vorstellung eines kantigen breiten bleichen Gesichts und von starrblickenden panischen Augen.) Und tatsächlich, auf einmal wendet der Kerl den Kopf in Richtung der anderen um ihn, als hätte da jemand was zu ihm gesagt oder er zu jemandem oder er würde einen oder zwei von denen bloß anschauen, und dann prescht er los. Er rennt nach hinten, auf einen Stahlstäbezaun zu, der das Gelände in diesem Bereich von der Straße absperrt (ich realisier diesen Eisenzaun erst jetzt richtig, obwohl ich ihn früher von weitem natürlich irgendwie schon mitgekriegt hab), auf den schwingt er sich dann hinauf, ohne davor besonders abzubremsen, kaum eine Sekunde ist er rittlings auf diesem, gleitet hinab, und rennt hastig weiter, flüchtet die Staustraße entlang.

Die Davongelaufene mit den nackten Beinen, – recht klein ist sie – hat sich auf den Weg zu den anderen zurück gemacht, ihr zögerliches Zurückkehren. Der Braunhaarige läuft an dem Opfer vorbei und auf den Zaun zu. Der Flüchtende wetzt mit weit ausholenden Schritten am Gehsteig der Straße neben der Kolonne der hupenden Autos. Die Vespafahrer kommen über die Uferpromenade zurück, sie haben es sich offenbar anders überlegt. Der Braunhaarige schwingt sich jetzt ebenso auf den Zaun, mit derselben Technik wie der Flüchtende und genauso rasch setzt er über und sprintet weiter. Die langen Beine des Schlägers beim Laufen. Die Vespas halten, wo sie früher losgefahren sind. Einer der Langhaarigen, die anfangs eingegriffen haben, und die Mädchen haben sich zu dem Opfer hingekniet, ein Kerl mit runden vollen roten Wangen, schwarzem kurzem Schopf und von kräftiger gedrungener Statur und ein kleiner Schmaler stehen dahinter. Stefan hält bei ihnen an. Einige Leute sind inzwischen – wie man annehmen wird dürfen, durch die Verfolgungsjagd am Gehsteig aufmerksam geworden – aus ihren Wägen im Stau gestiegen und nähern sich, ein paar Türen der uns zugewandten Beifahrerseiten dieser Autos bleiben offen. Die beiden zurückgekehrten Vespafahrer stellen sich zu den Dreien hinter der Knieenden. Wie warm es ist, wie trocken, backofenwarm die Luft.

 

Die Rücken der Mädchen beim Hocken. Eine verbeulte Brille am Asphalt, eines der Gläser ist kaputt, keilförmig gesplittert. Die Zurückgekehrte weint, ihr verzerrtes Gesicht, ihre dunklen Augen, die Tränen auf den Wangen. Ihre Arme hat sie gerade nach unten gestreckt. Zaghaft steht sie da, ihre weichen Schenkel, bloßfüßig ist sie. Die Beine der Verletzten, der Rest von ihr ist von den über sie Gebeugten verdeckt. Die Kleine bückt sich plötzlich ebenso zu ihr hinab, die anderen machen ihr ein wenig Platz und auf einmal erblicke ich das traktierte Mädchen. Nach all den Schlägen und Tritten, die ihr zugefügt worden sind, hat sich in mir eigenartigerweise die Überzeugung ausgebreitet gehabt, daß sie tot sein muß. Mir schien klar, daß man das nicht überstehen kann, man daran zugrunde gehen muß, man viel zu zerbrechlich ist für sowas – und diese „Klarheit“ war eine rein emotionale, keinerlei „Überlegung“ hat dabei eine Rolle gespielt. Sie liegt am Rücken, ein zusammengerolltes Jackett oder sowas ist unter ihren Kopf geklemmt. Sie hat die Augen offen, große dunkle Augen, langsamen Blickes sieht sie auf die sie umgebenden Leute. Und: sie lächelt. Ihr Gesicht ist blutverschmiert, die Unterlippe geschwollen, Dreck klebt auf dem Blut, ihre Arme sind zerschunden. So wie der Typ sie zugerichtet, wie stark er sie verletzt hat, hat er sie instinktiv vielleicht töten wollen. Ich bemerke in mir plötzlich eine besinnungslose Wut, die unweigerlich mit der Wut des Schinders dieses Mädchens zu tun haben muß, korreliert, wurde sie doch indirekt von seiner ausgelöst, gegen wen oder was sich meine Wut richtet, könnte ich aber nicht angeben. Ich habe nun die Vorstellung, wie der Braunhaarige den Kerl erwischt hat und hierher zurück­bringt. Was bei diesem Knaben wohl eine solche Wut auslöste (da gibts ja eine ganze Reihe konkreter Möglichkeiten; dagegen dafür, was ihn überhaupt dazu brachte so auszurasten, wohl nur eine: das Nichts, der Irrsinn angesichts des, im Kraftfeld des Nichts)? Das verschmutzte hellblaue T-Shirt der Verletzten, etwas hochgewurschtelt, ein Stück ihres Bauches, das erstaunlicherweise unversehrt geblieben ist. Ihre roten Stoffturnpatschen, etwas nach außen geneigt sind die aufgestellten Fußschaufeln. Die Zurückgekehrte – vielleicht war sie auch in Gefahr, verprügelt zu werden –, hockt vor ihr – ihr weiches, pralles Gesäß in einem blaugemusterten Bikinihöschen, ihre im Hocken gepreßten nackten Schenkel –; sie heult, sie schluchzt etwas hervor, das ich zuerst nicht verstehe, und dann doch: Claudia. Die Zusammengeschlagene lächelt noch immer, ihre geschwollene Lippe, wie verzerrt das Lächeln dadurch ist, wie schief, auch sie murmelt etwas, doch das ist zu leise, nicht zu verstehen. Sie lächelt im Schock, oder warum soll sie sonst lächeln? Ist das, was die Hockende da abzieht, eine Show, eine traditionelle Show, eine Fernsehshow, oder was Persönliches? – wohl all das, das Fernsehen hat die Traditionen ja absorbiert und abgelöst, und das Allgemeine ist das Persönliche: in einer strukturierten Weise bringt die Blonde so womöglich ihre Affekte zum Ausdruck, und in einer direkten Weise ihre Beziehung zu Claudia. Und die ist natürlich froh und dankbar, wieder aufgenommen zu werden in eine Gemeinschaft, wieder Halt geboten zu bekommen, nicht mehr ausgeliefert zu sein, wieder zu jenen zu gehören, um die man sich kümmert (während der Täter flüchten muß). Der vom Schluchzen geschüttelte Leib und die prallen nackten Schenkel und die im Hocken an den Fersen angehobenen staubigen Füße des zurückgekehrten Mädchens und der geschundene Leib ihrer Freundin. Dann sagt die Schluchzende was, fragt vielleicht nach Schmerzen, Verletzungen oder irgendwas im Zusammenhang mit dem Schläger, und fängt schließlich an, auf die Liegende einzureden. Ihr aufgeregtes erregtes von Schluchzen durchsetztes Stakkato (das Italienische ist ja schnell ein solches). Was immer sie da mit ihr verhandelt: ich will es nicht wissen. Eines der anderen Mädchen starrt erstaunt wie ein kleines Kind, regungslos, mit weit geöffneten Augen, fast gierig sind die Augen, soviel wie nur möglich, alles aufzunehmen. Ich sehe von der Seite auf das Mädchen, ihr beinah klassisches Profil, ihre kräftigen glatten langen Haare, ihre Brüste und ihr zusammengezwängter Mädchenbauch unter dem Leiberl, ihre starken Schultern, die glatte braune Haut der Arme.

Einige der Leute, die ihre Autos verlassen haben, sind inzwischen hinzugetreten, ein feister Mann in grauem Anzug spricht laut, seit einer Minute vielleicht, ich hab aber zuerst irgendwie nicht darauf geachtet, er deklamiert geradezu und dirigiert herum, als würde er das ganze am Theater spielen, ein Tumult und ein Durcheinandergerede entsteht. Die Verletzte lächelt noch immer, vielleicht hat sie, während sie die Wut des Typen, seine Gewalt zu spüren bekommen hat, ebenso oder wegen des Erleidens am eigenen Leib noch viel mehr als ich gedacht, sie ist schon tot, und ist nun selig, noch zu leben.

Die Huperei ist wieder intensiver geworden – vielleicht wegen der Autos einiger der Leute, die hierher zu dem Tat-, dem Unglücksort gekommen sind und derzeit noch dazustoßen. Stefans tiefes Schnaufen, ich steh neben ihm, hab mich, ohne zu denken, beim Eintreffen gleich zu ihm gestellt, seine bloßen Füße, seine dicken, vom Laufen geröteten großen Zehen. Ein paar von den Mädchen und Jungs aus der Rucksacklerschar nähern sich auch langsam und beratschlagen offenbar dabei so nebenher was.

Die Zusammengeschlagene setzt sich auf, das verschmierte, verschwollene Gesicht, gleich darauf stellt sie das linke Bein abgewinkelt auf, stützt sich mit dem rechten Arm ab, die Schürfungen, Kratzer, Rötungen an den Armen, sie erhebt sich, helfende Arme werden ihr gereicht, sie bedarf derer aber nicht, steht, lächelt noch immer, entstellt, merkwürdig versonnen und munter, es wird auf sie eingeredet.

 

Kurze Zeit später wird die Verwundete sachte ein Stückchen zur Seite geführt – wohin sie geleitet werden könnte, ist schwer zu sagen, weil nirgends irgendein sinnvolles Ziel ist, vor ihr und ihren Begleitern nichts als der schattige warme steinerne Boden der (in Richtung des Meeres ganz und zur Straße hin teilweise offenen) riesigen Hafenhalle, und etwas weiter drüben in schrägem Winkel zu ihrer Gehrichtung die türlose Seitenfront eines Hafengebäudes; dieses Geleiten scheint vor allem dem Wunsch zu helfen all der Leute geschuldet zu sein und sich darin zu erschöpfen. Die betörende Freundin der Verletzten ist direkt neben ihr, eine schmale ältere Dame in hellgrüner Schoß und Bluse und mit fahlblond gefärbtem dünnhaarigem Dauerwellenkopf hält die graue Jacke, die unter dem Kopf des Mädchens gelegen ist, in der Linken. Eine dicke Frau in wallendem sackförmigem bunt- und großbeblumtem Kleid, mit Doppelkinn, kurzen Haaren und herrischem Blick, bildet die Spitze der Gruppe, dreht sich dieser ständig zu und dann wieder in die Richtung, in die sie sich alle langsam bewegen, es ist wie ein Tanz und als wollte sie irgendwie den Weg freifegen oder eventuell durch irgendeinen Bewegungsritus für die anderen, für das Opfer reinigen; weiß der Hugo, wo die auf einmal her ist, sie kann ja nicht hergezaubert worden sein und doch ist sie mit einem Mal da und gerade zuvor hab ich sie nirgends bemerkt. Ein kleiner ziemlich dunkelhäutiger glatziger Kerl um die vierzig rennt weg, auf einige Autos zu, die nun im Hafengelände geparkt sind, ein türkiser Audi, ein beiger Passat, ein roter Volvo, ein roter Opel und ein paar weitere Gefährte sinds. Er öffnet den Kofferraum des Opels und kommt dann mit einem Stoffgartensessel oder sowas zurückgeeilt. Schwer atmend trifft er ein, er klappt das Ding auseinander: ein Liegestuhl ists, der Länge nach blau, grün, weiß, schwarz und rot gestreift. Die Verletzte wird unter Mithilfe mehrerer Leute draufgebettet, der Feiste mit dem grauen Anzug hilft dabei, wie die braune Glatze des Liegestuhlholers spiegelt, feine Schweißperlen bilden sich auf ihr. Die Verletzte liegt jetzt da, etwa zehn bis fünfzehn Schritt von dem Ort entfernt, von dem man sie weggeleitet hat, auf der Klappliege (vielleicht hat man sie auch instinktiv vom bösen Ort weggebracht). Das Ganze, die kleine Prozession gerade und nun die Lagerung, hat ebenso was Melodramatisches wie Rührendes und Verwirrendes. Das Blut im Gesicht des Mädchens ist zum Teil abgewischt, beginnt bereits zu trocknen, ihre geschwollenen Lippen – die Oberlippe schwillt jetzt ebenfalls stark an. Einige der Kerle und das blonde Mädchen zünden sich Zigaretten an.

Stefan hat sich auf den Weg zurück Richtung Schiff gemacht, ein paar der auf uns zu haltenden Rucksackler fragen ihn offenbar was, als er an ihnen vorüberkommt, und er antwortet kurz; seine rostfarbene Latzhose, der graue Boden. Ich wende mich auch zur Gänze in Richtung unserer Sachen und mach mich auf den Weg, folge Stefan. Der setzt gerade seine Brille auf, die er in Händen gehalten hat, und sucht seine Herrgottsschlapfen zusammen, einige Meter liegen die auseinander, er peilt den ersten an, schlüpft in diesen und schlapft dann etwas einseitig zum anderen hin. Ich habe das Lächeln des Mädchens vor Augen. Wird tatsächlich eine Schockreaktion sein, mir hat es sich jedenfalls gewaltig eingeprägt und ich sehe es immer wieder, alles andere ist davon überlagert, als wenn ein extrem durchsichtiger Film damit über alles darübergezogen wäre. Das pausenlose Gehupe, es nervt gar nicht, man ist ihm eher resigniert ausgeliefert: es ist der Soundtrack, dem man nicht entkommt, ebenso sinn- wie gnadenlos.

Stefan ist nun bei seinem Ziel eingetroffen, setzt sich gerade auf seinen blauen Rucksack in der Nähe der Verladerampe. Rostrot auf Dunkelblau, sein schwarzer Bart darüber, die schwarzen durcheinandergewurschtelten Haare. Die zwei Französinnen sind hinter ihm, die drei Deutschen, und zwei rothaarige Hünen stehen bei diesen. Ich schlurfe auf unseren Trupp zu, bin ihm schon ziemlich nahe.

Ich erreiche Stefan. Ich stelle mich neben ihn, der greift mit der Rechten nach unten, um die Fersengurte seiner Herrgottsschlapfen auf die Fersen zu schieben. (Komisch, denk ich, daß er das nicht gleich gemacht hat, als er sie wieder anzog.)

Stefan zündet sich eine Zigarette an. Eine Weile schauen wir zur Menschentraube um das Mädchen hin und auf die nun allmählich zurückkehrenden anderen Rucksackler.

Dann erscheint am Gehsteig neben den hupenden Fahrzeugen der Verfolger des Schlägers, biegt in die Einfahrt des Hafens ein. Auch vorn hat er das kindische Hendrix-Porträt drauf und das tanzende Jimi darunter. Er steuert auf unsere Gruppe zu. Die nackten Oberarme des Typen. Bei uns angelangt geht er zu seinem großen, schwar­zen Rucksack. Er lächelt uns an; seine grünen Augen. Er setzt sich auf seinen Rucksack, kramt seine Zigaretten heraus und zündet sich eine an. You did’nt get him? sagt Stefan. What a fucking guy, sagt er als Antwort darauf nochmals. Er schüttelt dabei den Kopf und lächelt und bläst den Rauch zwischen den Zähnen hervor, sieht Stefan aber nicht an, sondern so vor sich hin: auf nichts Bestimmtes. Ein weiches rundbackiges Jungengesicht hat er, dünne Lippen, und ein paar fette Pickel auf den Wangen. Stefan betrachtet ihn von der Seite durch seine Brillen, und zwar länger, als des anderen Kopfschütteln dauert.

Der Sonnenball hängt jetzt orange, vom Smog ein wenig eingetrübt, über dem zackigen Horizont, den Dächern der Stadt, so als würde er auf der Stadt draufliegen, das Licht wird auch schon schwächer, eine leichte Diesigkeit scheint sich in die Atmosphäre eingemischt zu haben. Ich blick einen Moment zu direkt, zu unvorsichtig auf die orange Kugel, die Blendung, das jähe Ziehen zwischen den Augenbrauen, der Abwendreflex, und nun flackern orange kleine Flecken, so wattebällchenartige Gebilde, vor meinen Augen auf, werden dunkler, grauer, wenn ich aber zwinker, flackern sie neuerlich orange auf … (ein gutes Weilchen bleibt das noch so)